Es fing an mit einem Flüstern. Einem verdammten, kratzenden, asbestverseuchten Flüstern genau hinter der Raufasertapete im Flur, direkt neben dem Sicherungskasten.
Zuerst dachte ich, es wären die Mäuse. Aber Mäuse diskutieren nicht um drei Uhr nachts auf Altgriechisch über meine Nebenkostenabrechnung. Nein, nein. Die Wände hatten eine Meinung. Sie sagten Dinge wie: „Der Estrich ist zu trocken, füttere uns mit deinen Ersparnissen“ oder „Warum hast du 2018 diesen hässlichen Teppich gekauft, du Versager?“.
Man kann sich ja wohl nicht im eigenen Flur von Kalksandsteinen mobben lassen!
Phase 1: Die chirurgische Kriegsführung
Ich habe also das einzig Logische getan: Ich habe das Stethoskop meiner Oma genommen, mir eine Stirnlampe mit Panzertape an die Stirn geklebt und angefangen, die Wände abzuhören.
„Verschwindet da raus! Das ist mein Mietvertrag!“, habe ich geschrien. Die Wand antwortete mit dem dumpfen Brummen der Waschmaschine von oben. Perfide Bastarde. Sie tarnten sich als Haushaltsgeräusche.
Ich holte den ersten Hammer. Nur ein kleines Loch, dachte ich. Nur um zu sehen, ob da drin ein interdimensionales Callcenter sitzt. Aber hinter dem Putz war… noch mehr Putz. Und das Flüstern wanderte. Es zog ins Wohnzimmer um. „Hier ist die Akustik ohnehin besser“, höhnte die Tragwand.
Phase 2: Der totale Abriss-Rausch
Ab da verschwimmt alles in einer Wolke aus weißem Staub, Schweiß und purem Adrenalin. Wenn die Stimmen in den Wänden wohnen, dann entziehe ich ihnen einfach den Wohnraum! Kapitalismus gegen Schizophrenie!
- Dienstag: Die Zwischenwand zum Bad musste weichen. Das Flüstern klang danach irgendwie feuchter.
- Mittwoch: Ich habe die tragende Wand in der Küche mit einer Hilti attackiert. Statik ist auch nur ein Konstrukt der herrschenden Klasse, um uns in Boxen gefangen zu halten.
- Donnerstag: Ich wohnte mittlerweile in einer postapokalyptischen Staubwüste. Meine Lunge fühlte sich an wie ein Sack Zement, aber ich war den Stimmen dicht auf den Fersen. Sie flohen in die Deckenbalken!
Ich habe die Kettensäge angeworfen.
Das große Finale
Um mich herum herrscht absolute, ohrenbetäubende Stille. Kein Flüstern. Kein Kratzen. Nur der Wind, der durch die Reste meines ehemaligen Kleiderschranks pfeift.
Jetzt sitze ich hier. Es regnet direkt auf mein Sofa. Eigentlich gibt es kein „Hier“ mehr, es gibt nur noch einen riesigen Haufen Schutt, verbogene Metallstreben und mich – splitternackt, überzogen mit einer zentimeterdicken Schicht aus Gipsstaub, den Vorschlaghammer liebevoll im Arm wie ein neugeborenes Baby.
Ich blicke auf das Trümmerfeld, zünde mir eine Zigarette am Funkenflug einer abgerissenen Stromleitung an, zucke mit den Achseln und sage zu mir selbst:
„Naja… Stimmen: 1. Ich: 0.“


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